Gebet eines Pferdes
Ich bin nur ein Pferd,
Herr, doch brav bin ich treu
und willens,
mein Bestes zu geben
für etwas Hafer und Heu.
Dazu noch frisches Wasser
und ein trock'nes Bett,
um zu ruh'n - mehr ist es nicht,
was ich brauche,
dafür will ich alles tun,
um dich zufriedenzustellen.
Doch reit mich mit sanfter Hand,
auch wenn ich nicht gleich begreif
hab' nur einen Pferdeverstand.
Du bist mein Herr und Meister,
vom Schicksal für mich erwählt,
drum schenk mir ein gnädig Ende,
wenn meine Tage gezählt.
Wenn ich alt und schwach geworden,
dann laß mich sterben dort
wo man sicher und schmerzlos mich tötet
und nicht an fremden Ort.
Bin allzeit ein Freund dir gewesen
und hab' dir treulich gedient,
drum sollst du als Freund mich behandeln,
mir ein würdiges Ende verdient.
Ich bitt' dich im Namen des Heilands,
ohne den kein Sperling fällt,
der geboren in einem Stall,
uns alle liebt und erhält.
Gebet eines Pferdes
Gib mir zu fressen, gib mir zu trinken und sorg
für mich, und wenn des Tages Arbeit getan ist,
gib mir Obdach, ein sauberes Lager und eine
breite Box.
Sprich zu mir, oft ersetzt mir deine
Stimme die Zügel.
Sei gut zu mir, und ich werde
dir freudiger dienen und dich lieben.
Reiß nicht
an den Zügeln; laß die Peitsche, wenn es
aufwärts geht; schlage oder stoße mich nicht,
wenn ich dich nicht verstehe, sondern gib mir
Zeit, dich zu verstehen.
Halte es nicht für
Ungehorsam, wenn ich deine Gebote nicht
befolge - vielleicht sind Sattelzeug und Hufe
nicht in Ordnung.
Prüfe meine Zähne, wenn ich
nicht fresse - vielleicht habe ich einen kranken
Zahn. Du weißt, wie das schmerzt. Halftre mich
nicht zu kurz, und kupiere meinen Schweif nicht,
es ist meine einzige Waffe gegen Fliegen und
Moskitos!
Und am Ende, geliebter Herr, wenn
ich dir nichts mehr nütze bin, lasse mich nicht
hungern oder frieren, und verkaufe mich nicht.
Gib mir nicht einen neuen Herrn, der mich langsam
zu Tode quält und mich verhungern läßt, sondern
sei gütig, mein Herr und Gebieter, und bereite
mir einen schnellen und barmherzigen Tod, und
Gott wird es dir lohnen, hier und im Jenseits.
Laß mich dies von dir erbitten, und faß es nicht
als unehrerbietig auf, wenn ich es im Namen dessen
tue, der in einem Stall geboren wurde...
Amen!
von Jo Mihaly
lebte von 1906 bis 1988. Sie war nach- und nebeneinander Tänzerin, Buchautorin, Poetin und hat lange Jahre in der Emmigration in der Schweiz verbracht. Von ihrem Gebet eines Pferdes sind viele Versionen und Variationen im Umlauf.
Mehr Informationen über Jo Mihaly finden Sie hier!